Pferde sind als Fluchttiere von Natur aus hochsensible Wesen, nehmen Emotionen von uns Menschen sehr rasch wahr und reagieren teils heftig auf unsere Stimmungen und Stimmungsschwankungen. Wenn du als Reiter:in ausgeglichen, sicher, zuversichtlich und vertrauensstark auf dein Pferd zugehst, eröffnest du für dein Gegenüber einen sicheren Lernraum. Damit dies möglich ist brauchst du emotionale Fitness.
Wenn ich von emotionaler Fitness spreche, meine ich die Kapazität auch in anspruchsvolleren Situationen handlungsfähig zu bleiben. Was das genau bedeutet, lässt sich gut mit dem Komfortzonenmodell erklären. Die emotionale Fitness sowie das Komfortzonenmodell lassen sich sowohl auf Menschen als auch auf Pferde anwenden.
Hier findest du eine Grafik des Komfortzonenmodells
Die Komfortzone ist das Gebiet, in dem du dich wohl fühlst. Das ist hoffentlich zum grössten Teil in deinem eigenen Umfeld der Fall, zum Beispiel an deinem Wohnort, mit deinen Freunden, in deinen Freizeitaktivitäten, idealerweise an deinem Arbeitsort und deinen dortigen Aktivitäten.
Dann gibt es die Lernzone. Der Bereich, in dem du deine Komfortzone verlässt, um Neues zu erfahren, neugierig zu lernen und vielleicht sogar die eine oder andere Situation erfährst, die dich etwas unsicher werden lässt.
Und dann gibt’s diesen Ort, an dem du die Lernzone verlässt, wo das Neue zu viel wird, wo die Angst überhand nimmt – die Panikzone.
Wo die eine Zone beginnt, endet und in die nächste übergeht, ist sehr individuell und situationsabhängig. Es kommt darauf an, wie viel Erfahrung du in dem jeweiligen Gebiet hast und wie gross deine Zuversicht und dein Vertrauen in dieser Situation sind. Das kannst du üben.
Üben findet in der Lernzone statt und kann manchmal sogar bis in die Komfortzone hinein gehen. In Kursen arbeite ich zum Beispiel gerne mit Simulationen, bei denen anstelle eines Pferdes, ein Mensch am Seil ist. In solchen Simulationen kannst du das, was geschieht, kontrollieren, planen, verlangsamen und in einem sicheren Rahmen darstellen. Wenn du dich in einer Simulation sicher fühlst, dann kannst du den nächsten Schritt gehen und das Geübte mit einem Pferd umsetzen. Idealerweise lernst du mit einem Pferd, das entspannt ist und dir die Möglichkeit gibt, das Gelernte erstmal im Schritt umzusetzen und dann vielleicht im Trab. Bevor dein neues Wissen mit einem emotionalen Jungpferd ausprobieren möchtest, das dir gerade um die Ohren fliegt, wird einige Zeit vergehen. Und wir werden natürlich alles versuchen, um gar nicht dorthin zu kommen, aber das ist leider nicht immer möglich.
Manchmal reagieren Menschen in Kursen erstaunt, weil ich so viel Wert darauf lege, wie man dem Pferd das Halfter oder den Sattel anzieht. Oder ich wiederholt darauf hinweise, dass es Sinn ergibt, wenn du das Seil wechselst, erst den einen Karabiner zu befestigen, bevor du den anderen löst. Und in den Situationen, in denen es anders kommt und das neue Pferd sich trotzdem vor etwas erschrickt, da zeigt sich dann die emotionale Fitness – von beiden. Kannst du als Mensch in einer solchen Situation ruhig und handlungsfähig bleiben? Hast du deine Komfortzone genug erweitert, so dass du in der Lernzone bleiben kannst, dass du zwar gefordert bist, aber nicht in Panik gerätst? Hast du deinem Pferd bereits genug Neues gezeigt, dass es sich in dieser Situation gefordert fühlt und trotzdem in Verbindung bleibt und nach Lösungen suchen kann?
Deswegen ist es wichtig, dich immer wieder aktiv herauszufordern und dich mit Dingen zu beschäftigen, die auf verschiedenen Ebenen anspruchsvoll sein können. Zum Beispiel den Stick mitzunehmen, wenn du reitest, um zu lernen mit dieser Herausforderung im Equipment-Handling umgehen zu können. Zu lernen mit dem Frust, der aufkommt, wenn es nicht funktioniert, umgehen zu können. Ihn wahrzunehmen und zuzulassen, um dann zu reflektieren, Entscheidungen zu treffen, neue Strategien auszutüfteln. Wenn du lernst, dieses Lernen zu feiern und „Fehler“ als Teil des Wachsens zu verstehen, dann bist du viel eher bereit, dich den Herausforderungen des Lebens zu stellen, eine Neugierde zu entwickeln und Neues auszuprobieren.
In meinem neuen Lehrgang werde ich noch tiefer auf solche Themen eingehen und Raum schaffen für Selbsterfahrungen und persönliche Prozesse, die dir dabei helfen werden, deine emotionale Fitness und die deines Pferdes zu erweitern und zu stärken. Über vier Module werden wir in einer kleinen, beständigen Gruppe in diese Themen eintauchen und uns beim gegenseitigen Wachsen unterstützen.

