Sicherheit beginnt in dir: Wie deine Emotionen die Beziehung zu deinem Pferd beeinflussen

Ich habe letztens das Buch „Klinische Anwendungen der Polyvagal-Theorie“ von Stephen W. Porges und Deb Dana gelesen. Und was auf den ersten Moment so trocken klingt, ist eines der besten Bücher, das ich je in die Finger bekommen habe.
Möchtest du wissen, was es neben den sieben Spielen, einem guten Timing und Feeling noch braucht, damit dein Pferd sich sicher fühlen kann? Dann lies unbedingt weiter!

Die Polyvagal-Theorie
Die Polyvagal-Theorie beschreibt, wie die Nervensysteme von Säugetieren funktionieren und miteinander agieren. Als Säugetiere haben sowohl wir Menschen als auch Pferde drei Nervensysteme, die für unsere Sicherheit zuständig sind.

Das ventral-vagale Nervensystem
Das ventral-vagale Nervensystem ist für soziale Interaktion und Intimität zuständig. Es ist die erste Instanz, die auf potenzielle Gefahr reagiert. Dieses System sucht Sicherheit über sichere Verbindungen mit anderen Individuen.

Das sympathische Nervensystem
Wenn das ventral-vagale System keine Sicherheit findet, wird das sympathische Nervensystem aktiviert. Dieses steuert alle Formen der Aktivität: Der Sympathikus sorgt für Mobilisierung und versetzt den Körper in den Fight- oder Flight-Modus. Der Parasympathikus hingegen ist für Entspannung und Erholung verantwortlich.

Das dorsal-vagale Nervensystem
Sollten wir auch dadurch nicht in einen sicheren Zustand gelangen, greift das dorsal-vagale System ein. Dieses reguliert den Verdauungstrakt sowie Leber und Nieren. Wenn es bei Gefahr aktiviert wird, reduziert es alle Körperfunktionen auf ein Minimum – es kommt zur Immobilisierung, dem sogenannten Freeze-Zustand. Ziel ist es, die inneren Organe am Leben zu erhalten, bis die Gefahr gebannt ist oder der Tod eintritt.

Die besondere Rolle des ventral-vagalen Nervensystems
Säugetiere sind die einzigen Lebewesen, die das ventral-vagale Nervensystem entwickelt haben. Es ermöglicht es uns, in Resonanz mit anderen zu treten. Dieses System ist mit vielen Gesichtsnerven verbunden, beeinflusst unsere Mimik, steuert die Muskeln des Mittelohres für die Wahrnehmung menschlicher Stimmen und senkt den Herzrhythmus. Es ist darauf ausgerichtet, Sicherheit durch zwischenmenschlichen Kontakt zu finden.
Falls dies nicht gelingt, wird automatisch das sympathische oder das dorsal-vagale Nervensystem aktiviert, wodurch eine Fight-, Flight- oder Freeze-Reaktion einsetzt. Um wieder in den ventral-vagalen Zustand zu wechseln, muss Sicherheit wiederhergestellt werden. Dies gelingt am besten durch den Kontakt mit einem System, das sich bereits in diesem Zustand befindet und als ruhender Pol fungieren kann.

Die Resonanz der Nervensysteme
Die Polyvagal-Theorie zeigt, dass unsere Nervensysteme nicht nur über Gehirn und Körper kommunizieren, sondern auch direkt miteinander in Resonanz treten. Zum Beispiel gleichen sich die Hirnströme und der Herzrhythmus von Menschen, die in einer vertrauten Unterhaltung vertieft sind, einander an. Diese Resonanz erhöht das Sicherheitsgefühl in der Gegenwart einer vertrauenswürdigen Person.
Diese Art der Kommunikation ist nicht immer bewusst zugänglich und zeigt sich oft durch Körperwahrnehmungen wie ein Kribbeln im Bauch, innere Unruhe oder ein Gefühl von Leichtigkeit. In einem Zustand liebevoller Präsenz können wir so die Emotionen und Bedürfnisse unseres Gegenübers intuitiv wahrnehmen und entsprechend handeln.

Die Bedeutung der Hirnhemisphären
Der ventral-vagale Zustand ist in der rechten Hemisphäre des Gehirns lokalisiert. Laut McGilchrist ist diese Hemisphäre für das Leben im Moment, für Unsicherheiten und Paradoxien zuständig. Sie kann sowohl Leiden als auch Sinn im Leben akzeptieren und gibt Raum für Individualität und Einzigartigkeit.
Die linke Hirnhemisphäre hingegen ist der Bereich der Beständigkeit, der Umsetzung von Visionen und des Wissens. Während Wissen uns Sicherheit geben kann, kann eine zu starke Prägung durch diese Hemisphäre dazu führen, dass wir den Kontakt zu unserer Intuition verlieren.
Das Synchronisieren beider Hemisphären fördert Fokus, Konzentration und innere Harmonie und trägt so zu einem stabilen ventral-vagalen Zustand bei.

Liebevolle Präsenz als Schlüssel
Sicherheit ist mehr als die Abwesenheit von Gefahr. Sie manifestiert sich in Beziehungen, in denen Neugier, Verspieltheit und Entwicklung ohne Angst möglich sind. Unser Sicherheitsempfinden wird stark von unseren bisherigen Erfahrungen geprägt.
Wenn ein Kind wiederholt Grenzüberschreitungen erfährt, ist sein Nervensystem dauerhaft aktiviert, um in den Fight- oder Flight-Modus zu wechseln. Sollte die Bedrohung zu überwältigend sein, tritt es in den Freeze-Zustand ein.
Um solche traumatisierten Personen zu unterstützen, ist es essenziell, dass ihre Begleiter geerdet, zentriert und in liebevoller Präsenz sind. Nur so kann sich Sicherheit aufbauen.

Anwendung auf den Umgang mit Pferden
Dieses Wissen lässt sich direkt auf den Umgang mit Pferden übertragen. Wenn dein Pferd in den Fight-, Flight- oder Freeze-Zustand gerät, hilft es, geduldig zu bleiben und zu verstehen, was im Nervensystem deines Pferdes vor sich geht.
Im Parelli-Programm hast du gelernt, wie du mit Pferden kommunizieren kannst und wie sie dich als vertrauensvollen Leader wahrnehmen. Wenn dein Pferd sich erschrickt, sucht es zuerst bei dir nach Sicherheit. Dein Nervensystem beeinflusst seines. Bleibst du ruhig und gelassen, wird sich dein Pferd schneller beruhigen.
Oft passiert jedoch das Gegenteil: Wir lassen uns von der Nervosität des Pferdes anstecken. Doch je mehr Wissen und Erfahrung du hast, desto leichter bleibt deine liebevolle Präsenz erhalten.
Das Parelli-Programm hilft dir, diese Fertigkeiten zu trainieren. Es erweitert eure Komfortzone, sodass dein Pferd immer seltener in die Panikzone gerät und du auch in herausfordernden Situationen ruhig bleiben kannst.

Diese Reise ist eine Einladung, stetig an dir zu arbeiten – sowohl in deinen Pferde-Handling-Skills als auch in deiner emotionalen Fitness. Ich begleite dich gerne dabei!

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